Positionen zur Wissenschaftstheorie

 

 

Was ist Wissenschaft? Dieses Hypothesenpapier möchte einige Punkte dazu klären. Dabei liegt mir Feyerabends „anything goes“ zu Grunde; allerdings nicht in einem absoluten Sinne verstanden, sondern insofern, als ich Wissenschaft ebenfalls als etwas Lebendiges, Organisches begreife – als etwas Menschliches. So verstanden ist „anything goes“ dialektisch gemeint.

 

1. Wissenschaft ist Menschenwerk, darum nicht absolut.

 

1.1. Dieser Satz mag banal klingen; jedoch geht es hier darum, sich einmal und immer wieder bewusst zu machen, wie sehr Stückwerk die wissenschaftliche Welt ist, wie fragmentarisch in ihrer Beschaffenheit – trotz aller Versuche zur Genauigkeit.

 

2. Wissenschaft unterliegt auch ästethischen Kriterien.

 

2.1. Damit schließe ich mich Kant, Burke und Einstein an, die alle die Begriffe der Wahrheit, Schönheit und Erhabenheit miteinander verknüpften.

 

2.1.1. Wobei Ästhetik und Schönheit besser nicht als Kriterien zur Überprüfung von Wissenschaft verwendet werden sollen, sondern als Leitfaden und Inspirationsquelle zur Schaffung von Wissen.

 

3. Wissenschaft ist Methode und Haltung.

 

3.1. Mit Methode meine ich in erster Linie nicht nur bewährte Strategien wie Nachvollziehbarkeit, Falsifikation, Doppelblindversuch, sondern die generelle Bemühung um Genauigkeit und Objektivität.

 

3.1.2. Mit Bemühung meine ich, dass – was offensichtlich sein sollte – es keine irgendwie geartete absolute Objektivität oder fehlerlose Genauigkeit geben kann; weder im Reich der Menschen, noch im Reich der Wissenschaften. Hierin unterscheiden sich Anthropologie und Mathematik, Alchemie und Physik nicht.

 

3.2. Mit Haltung meine ich die Manifestation der laufenden Bemühungen in der Persönlichkeit des/r Wissenschafters/in.

 

4. Wissenschaft kann an bestimmten Kriterien festgemacht werden, aber sie unterliegt nicht immer allen Kriterien.

 

4.1. Ein Hauptkriterium – auch das eigentlich banal – sollte sein: Wissenschaft schafft Wissen.

 

4.1.1. Das bedeutet einen schöpferischen Akt; und nicht, wie oft suggeriert, unbeteiligte, unvoreingenommene, objektive Beobachtung.

 

4.1.1.1. Der schöpferische Akt ist das primordiale Prinzip in der Wissenschaft. Die Empirie kommt danach und die Bemühung um Objektivität hält beides in Balance.[1]

 

5. Zu „anything goes“: Wissenschaft ist nicht Chaos; aber Wissenschaft ist auch keine starre Ordnung.

 

5.1. Vielmehr ist Wissenschaft eine Art die Welt zu ordnen. Sie repräsentiert eine bewegte Ordnung, eine veränderliche Ordnung.

 

5.1.1. Hilfreich zur Erläuterung und zum Verständnis dieses seit dem 20. Jahrhundert „neuen“ Paradigmas einer bewegten Ordnung kann es sein, die klassische Mechanik der Quantenmechanik gegenüber zu stellen, die Algebra der Lehre von den komplexen Zahlen, sowie der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Seit mehr als 80 Jahren haben die beiden Relativitätstheorien und die Quantenmechanik einen neuen Hebel am Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts angesetzt. Darin liegt ihr maßgeblicher Verdienst. Die neue Physik und die neue Mathematik ersetzen nicht die alten Wissenschaften und schon gar nicht die Philosophie; aber sie weisen allen Wissenschaften einen neuen Weg.

 

6. Genauigkeit in der Wissenschaft ist als Werkzeug und didaktisch-dialektisches Mittel zu sehen.

 

6.1. Genauigkeit hat einen Gegenpol – die Freiheit.

 

6.2. Je nach Absicht und Ziel wird die Genauigkeit mehr oder weniger stark eingesetzt – im schöpferischen Prozess der Wissenschaft. Auch die Genauigkeit ist ein rhetorisches Mittel zur Überzeugung und relativ zu sehen, wie ein Be-weis nichts mehr ist, als ein stärkerer Hin-weis, aber niemals etwas Endgültiges.

 

6.2.1. Nehme ich in einer wissenschaftlichen Arbeit Genauigkeit weg, wird die entstehende Lücke nicht notwendigerweise durch Chaos und Unordnung ersetzt. Es ist vielmehr oft die Freiheit, die sich hier niederlassen kann – auch die Freiheit zu einer neuen und anderen Ordnung. Wissenschaft muss immer bis zu einem gewissen Grad Raum bieten für Umgestaltung und Mutation. Die Absenz von Ordnung und Präzision ist somit nicht negativ zu sehen, sondern – je nach Fall – als Anwesenheit von Lebendigkeit und Freiheit.



[1] George Berkeley nimmt gewissermaßen die Erkenntnisse der Relativitätstheorien und Quantenphysik vorweg, wenn er die Welt als Schöpfung des menschlichen Bewusstseins darstellt. Nach ihm ist die Welt abhängig von ihrem Beobachter.



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