Vom Joch der Zeit

Die Lehre von den 4 Weltzeitaltern und Julius Evolas

Revolte gegen die moderne Welt

 

 

 

I. Einleitung – Über die Möglichkeit von Geschichtsphilosophie

I.1 Allgemein

I.2 Geschichtsphilosophie, Weltalter und Zyklen

I.3 Julius Evola – politische Brisanz

Europa - griechisch-römische Antike und Mittelalter

Zeitalterlehren in Südostasien

Indien

Sri Yukteswar Giri

Gigantomanie in Buddhismus und Jainismus

Persien und der Weltenbaum

China – die Herrschaft des Himmelspols

Die Neuerschaffung der Sonne bei den indianischen Völkern

Pralaya - Ragnarök

Kristallisation der Systeme und Vergleiche

Das Goldene Zeitalter

Kali Yuga - Das dunkle Zeitalter und René Guénon

Sandhyas und das fünfte Element

Kasten und Stände

Evola – Gefangenschaft und Konsequenz

Gefangener der Endzeit

Der Verfall

Apoliteia

Kultur – Zivilisation

Rezeption und Reflexion der Zeitalter Lehre in der Moderne

Schelling, Hegel, Exkurs und Stirner

Spenglers Schatten

Jaspers Achse

Theosophie

Erklärungsmodelle und wissenschaftliche Theorien

Astronomische Erklärungs-Modelle für die Weltalterlehre

Versuch einer Einteilung unterschiedlicher Ansätze

Die Präzession der Erdachse

Die Bedeutung der Zeitalterlehre in der Gegenwart - Anpassung des Geschichtsverständnisses

Schlußbemerkungen

Bibliographie

Primär

Sekundär (zu Evola)

Zu Zeit, Zyklen, etc.

 

 

 

Einleitung – Über die Möglichkeit von Geschichtsphilosophie

 

"Wer das Alter der Erde erfahren will, der schaue bei Sturm auf die See. Das Grau der ganzen Endlosigkeit, die Windfurchen auf dem Antlitz der Wogen, die großen, schwankenden, wild geschüttelten Gischtmassen, die wie verwirrte Greisenlocken fliegen, lassen die Sturmsee so altersgrau, stumpf, blind und glanzlos aussehen, als wäre sie noch vor der Schöpfung des Lichtes erschaffen worden."

(Joseph Conrad: Der Spiegel der See)

 

Allgemein

 

Im Folgenden werden wir die indischen Yugas (Satya- bis Kali-) mit den vier antiken Weltaltern oder Geschlechtern (goldenes bis eisernes) synonym gebrauchen, gehen also von einem Synkretismus beider Lehren aus, und werden je nach Aspekt die einen oder anderen Bezeichnungen verwenden, hauptsächlich jedoch die indischen wegen ihrer größeren Bedeutungsklarheit.

Bibliographische Angaben in Fußnoten werden im Allgemeinen nur dann vollständig ausgeführt, wenn das betreffende Werk nicht in die allgemeine Bibliographie aufgenommen wurde.

Wenn nicht anders angegeben, beziehen wir uns immer auf die (Engerda) 1997 vollständig neu ins Deutsche übersetzte, vom Verfasser vor seinem Tod zuletzt redigierte Ausgabe von (Rom) 1969; daher nur in Ausnahmefällen auf die in Rom erschienene Erstausgabe von 1934, oder die 1935 erschienene deutsche Erstausgabe.

 

 

Geschichtsphilosophie, Weltalter und Zyklen

 

Absicht dieser Arbeit ist es, einen Überblick über die wesentlichen Momente der Lehre von den vier Weltaltern zu geben, ihrem Auftreten in verschiedenen Kulturen; mögliche Verbindungspunkte in Mythen, Modellen und Theorien zu finden, die für Evola und seine Umgebung relevant waren, sowie Gemeinsamkeiten und Entwicklungen aufzuzeigen. Daran anschließend wird in groben Umrissen versucht, die Weltalterlehre in Evolas Revolte, sowie im Zeitgeist des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als Instrument zur Kritik der Moderne nachzuvollziehen, wie auch deren Verwendung zur Konstruktion von ‚Weltanschauungen‘.

Die Möglichkeit eine Theorie der Weltzeitalter zu verfassen oder zu vertreten, mag uns heute entweder titanisch unmöglich, oder von vornherein unmöglich, zu komplex, unüberschaubar und in allen ihren Aspekten niemals fassbar erscheinen. Wir gestehen dies einem 19. Jahrhundert zu, der letzten Zeit der Universalgelehrten, einer (noch) in Europa zentrierten Welt. Im Zeitalter der Spezialisierung wirken Universalisten wie Spengler und Evola anachronistisch, und Geschichtsphilosophie wurde zu einer esoterischen Randgruppe.

Jedoch ist die (Welt-) Geschichte an sich keineswegs grundlegend vielfältiger geworden, obwohl eine fortschreitende Globalisierung diesen Eindruck hervorrufen könnte. Die Welt ist vernetzter als vor 500 Jahren und Spengler’sche Modelle, die von abgeschottet sich entwickelnden Kulturen ausgehen, haben ihre Gültigkeit verloren. Es sind die Gewichte, die sich verschoben und vor allem konzentriert haben. Die Möglichkeit an sich, eine Weltgeschichte zu beschreiben oder zu entwerfen, ist unverändert phantastisch.

Man kann die uns so unfassbar groß erscheinende Geschichte der Erde und der Menschheit mit dem Studium jedes anderen beliebigen Organismus vergleichen. Das Studium eines menschlichen Organismus durch die Medizin hinkt in seiner Komplexität dem Studium der (Welt-) Geschichte nicht hinterher und operiert ebenso an der Grenze zum Chaotischen. Die Fehleranfälligkeit einer inneren Medizin kann durch eine mathematisch definierte Anzahl von beteiligten Atomen, Molekülen und energetischen Einflüssen nicht wesentlich geringer sein, als beim Studium der Erde, des "Organismus Menschheit" und ihrer Zyklen. In beiden Fällen ist die Grenze zum Chaos schon weit überschritten, beziehungsweise die Grenze von mechanischen Systemen zum Organismus.

Einen Organismus erfassen und bewerten kann aber nur ein ebensolcher; Analogieschlüsse können nicht von Computern gezogen werden, sind nicht formalisierbar und schematisierbar. Die Geschichtsphilosophie arbeitet in erster Linie mit Analogien.

Analogien sind an Lebendiges gebunden. Geschichte, der Planet Erde, der ‚Organismus Menschheit‘ müssen als lebendige Wesen aufgefaßt und (analog) bewertet werden. Asklepius sagt, daß "alles bei seiner Bewegung von ganz unten nach ganz oben miteinander verbunden" sei und "sich aufeinander beziehe". Spengler möchte der Form nach trennen, nicht nach der Substanz, "... mit vollster Schärfe den organischen vom mechanischen Welteindruck, den Inbegriff der Gestalten von dem der Gesetze, das Bild und Symbol von der Formel und dem System". Spengler faßt gesellschaftliche Tatsachen als Symbole auf und verleiht ihnen metaphysischen Charakter um sie einer neuen Kunst der historischen Betrachtung zu unterziehen. Hier ist Evola eindeutig sein Schüler, indem seine Gedanken von einer heute seltenen Vertikalität durchzogen sind und er alle Empirie in den Dienst einer "lebendigen Metaphysik" verweist.

Wenn Spengler schreibt, daß die Mathematik und das Kausalitätsprinzip zu einer naturhaften, die Chronologie und die Schicksalsidee zu einer historischen Ordnung der Erscheinungen führen, dann impliziert das räumliche, kausale Modell ein lineares Geschichtsverständnis (am ehesten noch) - die Schicksalsidee und die Vergleichbarkeit (das heißt: Analogieschlüssen unterziehbar) fordert ein eher zyklisches Geschichtsverständnis.

‚Eher‘ meint hier die Betonung und ist nicht ausschließend zu verstehen, insofern als eine Überlagerung beider Geschichtsbilder in der Form einer Spirale oder Helix denkbar sind. In dieser gibt es sowohl die lineare Bewegung nach oben/unten oder innen/außen wie auch die kreisförmige Wiederkehr, wenn auch verschoben auf einer anderen Ebene.

Jede Geschichtsphilosophie scheint (heute) leichter behauptbar oder widerlegbar als alle andere Wissenschaft. Es hat den Anschein, als gäbe es nichts Willkürlicheres als dem chaotischen Taumel der Menschen, Völker und Staaten ein System überstülpen zu wollen. Die Meinung herrscht vor, Geschichte sei auf Historiker beschränkt, die sich wiederum auf das Beschreiben von Ereignissen begrenzen sollten, allerhöchstens ab und zu bestimmte Figuren und Geschehnisse nebeneinander stellen dürfen um der kurzweiligen Unterhaltung Sinn unterzuschieben; der Sinn von geschichtlichen Prozessen oder allgemeinere Muster in diesen werden abseits von Alltags-Psychologien gemieden, sind unpopulär. Zudem ist eine Tendenz zu beobachten, Geschichte nur mehr als jüngere und jüngste oder Zeitgeschichte zu verstehen und zu betreiben. Dies hängt nur teilweise mit der Zunahme der Aufzeichnungs- und Erfassungsdichte zusammen. Die Größe und Tragweite der Aufgabe Geschichtsphilosophie zu betreiben schreckt gleichzeitig ab; durch die heutige Nähe zu den Ereignissen auf der ganzen Welt, wie durch Subjektivität in Zeiten des Objektivierungsdrucks einer wissenschaftsdominierten Welt. Andere ‚große‘ Dinge, wie Galaxien oder Sternhaufen erscheinen um vieles leichter objektivierbar und faßbar als das Nächstliegendere und vielleicht Wichtigere. Deshalb sollte man wohl wegen dieser gefährlichen Nähe der Geschichte viel vorsichtiger mit Absolutismen sein, als in jeder Naturwissenschaft; und wenn man etwas als "fest" darstellt, es zumindest nicht absolut "meinen". Asclepius: "Wo etwas in der Dimension der Zeiten erkannt wird, dort gibt es Täuschungen. Wo etwas entsteht, dort erlebt man Irrtümer."

Das gleiche gilt für den umgekehrten Prozess des Rezipierens. Die inzwischen etablierten Lehren der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik haben schon viel zur Relativierung auch der Geschichtswissenschaft beigetragen, gehen aber letztendlich am Lebendigen vorbei, indem sie den ‚Organismus‘ wieder auf Zahlen zu reduzieren versuchen. Trotzdem kommt dem Relativismus in der Geschichtsphilosophie eine große Rolle zu, wenn es (Evola) darum geht, nicht das zyklische Weltbild als einzig geltendes einzuführen, sondern es als Korrektur des jetzigen Geschichtsverständnis zu verwenden und zu überblenden. Der oben genannte Relativismus darf jedoch nicht über die gravierende Andersartigkeit des zyklischen Geschichtsmodells hinwegtäuschen, das Kultur und Zivilisation nicht primär als Entwicklungsergebnis, sondern vielmehr als Erbe ansieht. Von dieser Vorstellung kann mit Recht behauptet werden, daß sie den heutigen Historikern, Paläontologen, etc. fremd ist. Asklepius: "Von all diesen Gattungen haben die beseelten Lebewesen Wurzeln, die von oben nach unten herab kommen, die der unbeseelten aber wachsen aus natürlicher Wurzel von unten nach oben."

Neben dem Bewußtmachen des Zyklischen in der Kulturgeschichte geht es vor allem um die Problematik des dunklen Zeitalters (Kali Yuga), dessen Konzept einige Widersprüche birgt. Zeit ist in der mythologischen Sichtweise meist untrennbar mit Qualität verbunden, im Gegensatz zur technisch-anonymen und neutralen Zeit unserer Vorstellungswelt.

Das System der Zeitalter erscheint im Grunde aus dem Yin-Yang Prinzip abgeleitet, in seiner ersten Struktur so simpel - wenn auch in seiner Wirkung, wie in den vielen Neben- und Unterzyklen kompliziert – daß es nicht verwundert, wenn im Altertum das Thema zwar angeschnitten wurde, es aber niemals wesentlich zum Thema von Kommentaren oder Ausarbeitungen wurde. Das Bild von den Zeitaltern war integriert. Auch wollte man später, auf das Kali Yuga zugehend, den Niedergang nicht durch Gedanken und Worte zusätzlich evozieren. Eine Grundweisheit der Philologie lautet – oder sollte lauten – was allen bekannt ist, über den Alltag, darüber spricht und schreibt man nicht oder nur wenig. In Folge dessen liest man über dieses ehemals allen Bekannte auch nicht, oder wenig. Das Thema der Weltzeitalter unterliegt einer Kategorie der Zeitlichkeit, die Zeitlichkeit wiederum ist ein Attribut des Kali Yuga. Somit ist es naheliegend, daß letzteres mehr Gewicht auf eine Beschäftigung mit diesem Thema von den vier Weltzeitalter legt, als das im Sein verankerte Satya Yuga und eine Ausarbeitung auch erst in diesem vollzogen wird.

Die modernen Theosophen hingegen vertreten eine genau entgegengesetzte Idee; daß nämlich die Lehre von den Zyklen, ebenso wie die von den Zahlen, Teil der priesterlichen Mysterien der alten Kulturen war, und damit nur Teil der mündlichen Tradition. Erst mit dem Auftauchen der apokalyptischen Ideen wird die Lehre von den Weltzeitaltern in gewisser Weise wieder aufgenommen.

Ein grundsätzliches Problem scheint in der Vermischung der mit den Zeitzyklen verbundenen Begriffe zu liegen. So scheinen in den indischen Zyklenlehren die Begriffe Yuga und Manvantara jeweils mehr als nur eine Art von Runde zu bezeichnen. Offensichtlich kommt es bei dieser Terminologie mehr auf die Verhältnisse der Zyklen untereinander an. Außerdem sind der Mensch und seine Zeitbegriffe auch nicht immer das Hauptmaß mit dem gemessen wird und es ist nicht immer eindeutig, ob nun "Menschen-" oder "Götterjahre" gemeint sind.

Für zusätzliche Verwirrung sorgt obendrein noch der Umstand, daß viele Schriften über die Zeitalter im Kali Yuga verfaßt oder zumindest niedergeschrieben und überliefert worden sind. Über diese Tatsache, daß wir gegenwärtig nicht im Satya oder Trita Yuga leben, scheinen sich alle Texte verhältnismäßig einig zu sein. Nur beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz, wenn es so ist, daß die Hauptattribute des Kali Yuga in Chaos und (geistiger) Verwirrung bestehen. Wie kann eine glaubwürdige Aussage über Dauer der Zyklen, ihre Grenzen oder auch nur ihre Attribute gemacht werden, in einer Zeit, die alle Erkenntnis höherer Dinge schlicht durch ihre Zeitqualität - wovon diese auch immer abhängig sei - unmöglich macht?

 

 

Julius Evola – politische Brisanz

 

Die politische Brisanz Julius Evolas ist nach wie vor ungebrochen, seine Popularität wächst seit den Studentenrevolten in den 60-er Jahren kontinuierlich. Wir möchten in dieser Schrift grundsätzlich nicht auf seine Verstrickung in den europäischen Faschismus eingehen – dies würde den Rahmen sprengen. Er hat – vor, wie nach der Zeit des europäischen Faschismus - wie kaum ein anderer sein Denken und seine Weltanschauung einer ständigen Wandlung unterzogen; ansatzweise versuchte er die negativen Seiten des Faschismus und Nazismus nach dem zweiten Weltkrieg zu erkennen und zu korrigieren, ohne sich jedoch scharf von der Vergangenheit zu distanzieren. Seit dem Heraufkommen der Faschisten in Italien galt er als deren größter Kritiker und machte sich einige Feinde unter ihnen, vor denen ihn oft nur die gute Bekanntschaft mit Mussolini retten konnte. Desgleichen kritisierte er u. a. den "biologistischen Rassismus" der Nationalsozialisten; Nichtsdestotrotz ist es eindeutig klar, daß er mit beiden Bewegungen sympathisierte, sie als ‚Chance‘ betrachtete und nach eigenen Ideen und Vorstellungen zu beeinflussen suchte.

Die Beschäftigung mit Evola ist nicht primär wegen der Person oder Biographie Evolas vonnöten, sondern deswegen, weil er nach Réne Guénon einer der wenigen Denker des westlichen Kulturkreises ist, der sich mit der Lehre von den vier Weltzeitaltern beschäftigt hat, diese ernst nahm und in eine Relation zum westlichen Geschichtsbild und westlicher Weltanschauung zu setzen versuchte. Die indische Lehre von den vier Weltzeitaltern gehört, seit der schrittweisen Übersetzung altindischer Texte in der Zeit des britischen Kolonialismus und danach, einerseits zu den in unserem Sinne klarsten denkerischen Ausführungen, ist am wenigsten mythologisch, beziehungsweise erscheint nicht unter einer so komplizierten symbolischen Verpackung, wie viele andere ältere Texte Südostasiens. Andererseits stoßen diese indischen Texte über die vier Weltzeitalter ab. Gerade wegen der für unsere Dialektik großen Klarheit der Aussage wird der Widerspruch zum westlichen Geschichts- und Kulturverständnis so deutlich. Das Thema ist nicht wissenschaftlich unglaubwürdig oder irrelevant, sondern birgt einige Risiken. Es anzugehen und zu bearbeiten würde für die Meisten zu viel in Frage stellen. Somit ist dieses Thema letztendlich doch wieder auch ein auf allen Ebenen politisches.

Im Allgemeinen möchte ich nicht auf die Rezeption Evolas eingehen, die besonders nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dann auch 1967 nach den ersten Studentenunruhen in Rom etc. ungeheuer vielgestaltig ist. Erschwerend kommt hinzu, daß die Beschäftigung mit Evola vor allem in politischen Gruppierungen geschieht. Vor 1967 hauptsächlich in kleinem Kreis in rechten und rechtsextremen Lagern, nach 1967 auch, und in größerem Umfang, in linken Gruppierungen. Selten bis gar nicht findet eine Auseinandersetzung im wissenschaftlichen Bereich statt, was möglicherweise zum Teil damit zusammenhängt, daß Evola schon zu Lebzeiten nicht wirklich in eine universitäre Welt eingebunden war und den Nimbus eines außenstehenden Privatgelehrten pflegte, zum anderen, seine Lehren sich nur schwer mit einem in der politischen Mitte liegenden Establishment vertragen.


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