
Relativität und Opportunismus
im Wesen der indischen Philosophie
I. Einleitung
II. Krishnamurthy - Hinduismus
III. Die "Ten Commandments"
IV. Bibliographie
V. Anhang
Einleitung
Gerade die "Unbedeutendheit" des Buches, seine Nischenstellung in der großen Oper indischer Kulte und Religionen, sein potentieller Sektencharakter erscheint wertvoll für das Kennenlernen des Hinduismus, einer "hinduistischen Ethik". In dem Buch Ten Commandments of Hinduism geht es darum, die Verflechtung der Einzelteile zu untersuchen, die zusammen erst eine "indische Religion" ausmachen. Eine These lautet, dass gerade diese Einzelteile (-lehren) sich in christlich-europäischem Kontext ganz anders verhalten würden, entweder aufgerieben oder untergeordnet würden. Über diese von Krishnamurthy formulierten hinduistischen Zehn Gebote können unter Umständen - im Vergleich mit den christlichen Geboten und ihren weit in unser kollektives Unterbewußtes reichenden Arme zusätzliche Erkenntnisse über, und neue Annäherungen an das Phänomen Hinduismus gewonnen werden. Diese Gedanken führen weiter in Ideen über den indisch-religiösen Relativismus, sowie das speziell Andersartige der indischen Ganzheitsphilosophien.
Grundlegendes: Mit "westlicher Welt" oder "-Hemisphäre" ist im Folgenden die sich auf griechische und christliche Kultur begründende westliche Welt gemeint. Geographisch sind das Europa und Nordamerika. In geistiger Hinsicht: Alle Bereich (zum Beispiel: die westliche Wissenschaft) die sich an dieser Tradition orientieren, dieser unterordnen und von ihr wesentlich durchdrungen sind.
Krishnamurthy - Hinduismus
Krishnamurthy war Professor für Mathematik am Birla Institute of Technology and Science in Rajasthan, Indien. Er ist traditionell aufgewachsen und wurde als Kind in den klassischen Schriften unterwiesen. Innerhalb des Hinduismus bekennt er sich zur weit verbreiteten Schule des Advaita Vedanta Shankaras. Aus westlicher Sicht würde man wohl sagen, daß er zuerst Hinduist, dann erst Wissenschafter ist, zumindest aber eine hinduistische Wissenschaft vertritt, die in dieser Form jedenfalls älter als die europäische Wissenschaft ist. Die hinduistische Wissenschaft gründet im Veda, den heiligen Schriften, welche man im einzelnen auch immer dazurechnen mag. Sie bezieht nicht nur wesentliche Inspiration aus diesen klassischen Schriften, sondern diese werden immer wieder auch zur Untermauerung von Beweisen herangezogen. Diese Art Wissenschaft zu betreiben ähnelt ein bißchen dem islamischen Vorgehen, wo jedenfalls der Koran immer als Autorität im Hintergrund steht und zu Rate gezogen wird. Doch der Vergleich mit dem Islam oder z.B. mit der christlichen Scholastik hinkt teilweise, da der Umfang, auch in thematischer Hinsicht, der indischen klassischen Schriften ein ungeheuer größerer ist, als der in Islam und Christentum. Somit ist es nicht damit getan eine Säkularisierung der indischen Wissenschaft nach dem Vorbild der westlichen zu fordern, ohne die spezielle Art des Zusammenhangs von Religion, Schrifttum und Wissenschaft in Indien kennen zu lernen. Die klassischen hinduistischen Wissenschaften umfassen vielmehr nicht nur Theologie, Ethik, Philosophie, sondern haben Schulen der Mathematik, Logik, Astronomie, Astrologie und Medizin hervorgebracht. Auch heute gibt es in Indien Vertreter dieser Wissenschaften die darüber hinaus auch oft zusätzlich über einen westlichem Bildungshintergrund verfügen, wie etwa Krishnamurthy.
Diese klassischen Schriften, die das für uns materiell faßbarste Rückgrat des Hinduismus bilden, beginnen mit den vier Vedas Rk, Yajur, Atharva und Sama-veda, an welche ungefähr 120 Upanischaden wie Äste angehängt sind, von denen wiederum 11 als besonders wichtig gelten. Hinzu kommen gewaltige Epen wie Ramayana und Mahabharata. Die Bagavad Gita ist ein für sich stehender Teil des letzteren. Die spätere, zumindest schon zeitlich eingrenzbare vedantische Literatur in Form von Sutras wird meist auch zur klassischen Literatur gezählt, da sie ebenso als von Heiligen stammend und inspiriert gesehen wird.
Ihre bis heute andauernde Autorität beziehen diese Schriften nur zum Teil aus dem Anspruch inspiriert zu sein, das heißt in irgend einer Form göttlichen Ursprungs. Der Veda wird für gewöhnlich sogar als Manifestation Gottes gesehen und sein Ursprung nicht irgendwo in der Zeit sondern in der Ewigkeit. Teile davon wurden dann von Rishis direkt geschaut und mündlich tradiert, später niedergeschrieben.
Es sind hier durchaus Parallelen zur Sicht auf die Thora im Judentum vorhanden, doch gibt es weniger den Riß zwischen Schrift und Lesbarkeit, ist doch die Tradition, den Veda auf mehreren Ebenen zu lesen und zu interpretieren noch lebendiger.
Bei dem Buch Ten Commandments of Hinduism handelt es sich um ein nachträgliches Abstecken des Phänomens Hinduismus durch 10 Gebote. Diese Gebote sind Anfangs nicht vergleichbar zu dem, was man in der Tradition des Dekalogs unter Gebot versteht. Es sind vielmehr 10 Säulen auf die der Autor das so komplexe und umstrittene System des Hinduismus stellt. Problematisch deswegen, weil zumindest das Wort Hinduismus, genau so wie das Wort Indien von außen eingeführt wurde. Formal betrachtet ist der Hinduismus am ehesten eine Schöpfung der Briten, die eine religiöse Zuordenbarkeit und ethnische Kategorien schufen um die riesigen Kolonien besser verwalten zu können und ein auch von der Bevölkerung mitgetragenes Rechtssystem etablieren wollten. Später entdeckte dann die indische Unabhängigkeitsbewegung diese Idee für sich und machte den Hinduismus zum Werkzeug auf dem sie die staatliche Einheit schmiedete. Aus einer Unzahl von Königreichen und Fürstentümern und vor allem einer Unzahl von Sprachen und religiösen und kulturellen Schattierungen entstand so das neben den USA wohl am buntesten zusammengewürfelte Staatsgebilde, dessen Gemeinsamkeit sich nicht nur in der Spiegelung Hollywoods durch die gigantische Bollywood- Maschinerie zeigt. Dieser Prozeß ist immer noch im Gange und auch ständig gefährdet, aufrechterhalten hauptsächlich von dieser Idee des Hinduismus. Es besteht eine eigenartige Spannung zwischen dem Alter und der bestehenden Lebendigkeit religiöser Kultur in Indien und ihrer Not sich zu definieren. Vieles an dieser Einheit, fast alles, wird über das Medium der Religion hergestellt. Der Hinduismus steht im Ruf fremde Religionen zu assimilieren. Die meisten Brahmanen und Pundits bezeichnen ihn als älteste Religion der Menschheit, ja eigentlich gar nicht substantivisch als Religion, vielmehr als religiöse Haltung. Dies unter anderem macht ihn geschmeidig und bis zu gewissem Maße unangreifbar. Als zum Beispiel nach dem Auftreten des Shakyamuni Buddha, der auch aus einer hinduistischen Kaste und Tradition hervorging, sich eine "neue Religion" abzuspalten begann begegneten die Brahmanen dem, indem sie Shakyamuni zu einem der Avatare Vishnus erklärten und so zumindest mit teilweisem Erfolg wieder dem alten System einverleibten. Ähnliches geschah beim Aufkommen des im Bundesstaat Orissa populären Jaganath-Kultes, der zu Anfang eigenständig existierte, dann in weiterer Folge ebenfalls in den Vaishnaismus eingegliedert wurde.
Es ging sowohl den Briten, als auch der Befreiungsbewegung Gandhis um die Schaffung von kultureller Einheit. In gewisser Weise kann Indien das andere Amerika genannt werden, vor allem wegen der Vielfalt der zusammengefaßten Kulturen, Völker, Sprachen und Religionen. Die Zusammenfassung dieser Vielfalt stellt ein einzigartiges Phänomen dar. Der Hinduismus wird als Repräsentant dieser Vielfalt gesehen und ständig neu geschaffen. Ein wesentlicher Aspekt ist die Schaffung des Hinduismus als politisches Konstrukt der jüngeren Geschichte. In diesem Punkt unterscheidet er sich von den großen Offenbarungsreligionen Buddhismus, Christentum und Islam, nicht so sehr jedoch in seinen wesentlichen Inhalten. Der westlichen Hemisphäre ist hierzu noch am ehesten das Phänomen des Judentums vergleichbar, welches, als einem Hauptparameter des Christentums, einen Schlüssel zum Verständnis des Hinduismus liefern kann. Das Judentum kann als eine Gebotsreligion bezeichnet werden und der Dekalog als wesentliche Säule der Thora. Der Hinduismus ist das zuerst einmal noch nicht, doch sind Parallelen feststellbar zur Situation des jüdischen Volkes unter Moses, was die Schaffung sozialer Struktur und Identität betrifft, die Schaffung einer neuen politischen Wirksamkeit. Der Aufstellung von Geboten, welcher Art auch immer, wohnt ein formatives Moment inne. In einem Staat, einer Volks- oder Religionsgemeinschaft die sich darauf gründet, geht es um Gültigkeit für alle; es findet eine Nivellierung statt zugunsten einer größeren Körperschaft. Der Mensch wird nun tendenziell nicht mehr als Individuum gesehen und behandelt, sondern als Teil im Getriebe. Der Gegensatz dazu ist das Auftreten von Befreiungsreligionen wie Buddhismus und Christentum. Hier geht es um Befreiung von (alten, überkommenen) Formen, nicht um die Schaffung von sozialer Struktur. Buddhismus und das Christentum sind zumindest in ihren Anfängen Gegenbewegungen, deren Religionsstifter das Individuum aus der erstarrten alten Form herausheben wollten. Auch Entstehungszeitlich kann man Judentum und Christentum, beziehungsweise Hinduismus und Buddhismus gegenüberstellen.
Zu Anfang des Buches von des Ten Commandments of Hinduism wird schon bemerkt, daß die Lehren des Hinduismus sich an Menschen mit unterschiedlicher mentaler Disposition und unterschiedlicher mentaler Reife richten. Dieser Ausgangspunkt der mentalen Ungleichheit der Menschen, einer hierarchisch geordneten Ungleichheit, bildet in weiterer Folge die Basis des Kastensystems. Die Vorstellung einer geistigen Hierarchie ist ausgeprägter und stärker als sie in der westlichen Welt war und ist und sorgt zwangsläufig für Reibungspunkte mit Christentum und der westlichen demokratischen Tradition, die eine wesentliche Gleichheit der Menschen bis zu einem gewissen Grad voraussetzen, zumindest aber fordert und anstrebt. Ein Grund für die Stärke des Hinduismus und zentraler Pfeiler ist die Wiedergeburtslehre. Diese ist im Bewußtsein der Massen tief verankert, auch wenn nicht immer direkt darauf Bezug genommen wird. Die Wiedergeburtslehre vermag eine viel tiefere Beziehung zur Vergangenheit zu schaffen, eine viel tiefere Vorstellung von langen - weil zumindest in der Vorstellung - selbst erlebten Zeiträumen zu ermöglichen. Die auf mentale Dispositionen oder Bewußtseinsgrade zurückgeführte Hierarchie entwickelt sich erst durch diese Kette von Wiedergeburten und ist somit zeitlich tiefer verankert als im Westen, aber auch jenseitiger und damit weniger materiell orientiert, als etwa die westliche Idee des Blutadels.
Die "Ten Commandments"
Die von Krishnamurthy aufgestellten zehn Gebote des Hinduismus teilt er in drei haupt- und sieben erläuternde Gebote. Diese sind:
Allgegenwärtige Wirklichkeit (unpersönlich und persönlich) [Omnipresence of reality]
Reinigung, Läuterung des Geistes/Verstandes [Purification of mind]
Dharma
Karma Yoga
Ein Gott mit vielen Namen und Formen [one God with many names and forms]
Avatara
Nama Smarana
Hingabe [surrender]
Selbst-Verwirklichung [self-revelation]
Richtiges Verhalten [right attitudes]
Die sieben erläuternden Gebote gehen aus den ursprünglichen drei hervor. Der Autor erhebt den Anspruch, daß diese Gebote oder richtungsweisenden Prinzipien, den Mainstream des Hinduismus repräsentieren. Die Idee des Dienstes an der Menschheit in welcher Form auch immer wird als gemeinsames Prinzip aller Religionen dabei vorausgesetzt. "Göttlichkeit ist überall", ist das alles zusammenfassende Konzept, das im ersten Gebot, dem Fundament aller folgenden, enthalten ist. Was immer man sieht, hört, riecht, fühlt, berührt, ja selbst denkt, ist ein Funke der Göttlichkeit, obschon verdeckt durch Unwissenheit. Diese allgegenwärtige Göttlichkeit zu erkennen und zu verwirklichen wird als Hauptziel angesehen.
Auf gewisse Weise darin impliziert ist die Vorstellung von der Existenz einer unsterblichen Seele, die bei jedem physischen Tod ihren materiellen Körper abstreift und vergangene Gewohnheiten und Eigenschaften in Form von vasanas mit in das nächste Leben nimmt. Das Wort vasana bedeutet Geruch und bestimmt die Tendenzen einer Seele bei ihrer Geburt in einem neuen Körper. Die vasanas bilden eine Art feinstofflichen ersten Körper um die Seele, der dann der Baumeister des materiellen Körpers ist. Die Vorstellung von den vasanas bilden in weiterer Folge die Ausgangsbasis für das Gebot der "Reinigung des Geistes", sind sie es doch, die durch ihre Existenz den Blick auf die Gottheit verdunkeln. Reinigung ist die erste Bedingung zur Freiheit vom Rad der Wiedergeburt, von Ursache und Wirkung. Der Hauptaugenmerk liegt dabei allerdings nicht in einem Selbstmord der Seele, wie das in den Anfängen der europäischen Indologie oft gedeutet wurde und zum Beispiel Schopenhauers "Pessimismus" untermauern konnte, sondern bei einem inneren Freiwerden von Anhaftungen an die Welt, dem Finden einer inneren Losgelöstheit.
Die Allgegenwart des Göttlichen schafft Dharma. Erfüllung des Dharma impliziert Reinigung. Dharma kann mit "Gesetz" übersetzt werden. Es ist die der einzelnen Bewußtseinseinheit zugeteilte Aufgabe und unterscheidet sich von Karma, das aus den Handlungen vorhergehender Leben resultiert. Karma ist also selbstverantwortet und Gesetzen und Geboten unterworfen; währenddessen bezeichnet Dharma etwas, das von Menschen nicht verursacht wurde, sondern zugeteilt worden ist. Zusätzlich zu der logisch verständlichen Hierarchie, die durch das Karma gebildet wurde - indem die Verdienste und Verfehlungen der Seele (Bewußtseinseinheit) diese über unzählige Leben hinweg von der niedrigsten zur höchsten Kaste führen - ist im Hinduismus zusätzlich eine Hierarchie des Dharma implizit. Diese ist für den Verstand der Menschen nicht zugänglich, selbst für die meisten Götter nicht fassbar. Im Dharma zu handeln heißt in Übereinstimmung mit dem Ganzen und für das Ganze zu handeln. Erst daraus folgen Kategorien wie gut und böse, Himmel und Hölle.
Alles im Hinduismus gründet sich auf diese drei Prinzipien: Die Allgegenwart und Allwissenheit des Göttlichen; Die kultivierten Tendenzen und Eigenschaften von Geburt zu Geburt; und Svadharma, das eigene Dharma der Seele, denn die Einzelseele ist nicht ohne Ziel und Bedeutung in die Welt geworfen sondern unterliegt einem Evolutionsplan der auf Perfektion, auf Spiegelung des Göttlichen gerichtet ist.
Das vierte Gebot, Karma Yoga, lautet daher: "Handle in der lebendigen Gegenwart, in völliger Losgelöstheit und Hingabe, unter Vermeidung aller egozentrischen Wünsche und Ängste."
Das fünfte Gebot, die Existenz Gottes in vielen Namen und Formen, läßt Spielraum für Toleranz und Offenheit, einen persönlich bevorzugten Aspekt der Gottheit zu verehren. Es bildet die Grundlage der hinduistischen Überzeugung, daß alle Religionen nur unterschiedliche Wege sind, zum Ziel der göttlichen Perfektion zu gelangen. Es beinhaltet gleichzeitig den Anspruch des Hinduismus eine Meta-Religion zu sein, und ist im Praktischen die Grundlage zur Konstitution des indischen Staatsgebildes. Weiters ist die Verehrung eines individuellen Gottes auch Grundlage des Prinzips der Gnade.
Das Konzept des Avatara ist ein weiterer Faktor, das den Hinduismus von anderen Religionen unterscheidet. Es setzt voraus, daß das Göttliche sich zu bestimmten Zeiten willentlich und geplant in auf die Welt kommenden Menschen manifestiert. Solch ein Herabsteigen des Göttlichen durch Annehmen einer nicht perfekten und begrenzten Form mit dem Zweck die Menschen zu unterweisen wird Avatara genannt. Solche sind beispielsweise Rama und Krishna. Der Unterschied zum in Judentum und Islam verbreiteten Prophetentum besteht hier darin, daß die Göttlichkeit des Avatars von Geburt an feststeht und er sich dieser Göttlichkeit immer bewußt ist, also nicht im Laufe seines Lebens erst inspiriert wird, oder einen Auftrag zur Unterweisung der Menschen erhält. Vergleichbar ist nur die Inkarnation Christi oder der verschiedenen persischen Zoroaster-Inkarnationen.
Nama smarana meint das Rezitieren von Gottesnamen, die Verehrung durch rituelle Rezitation. Neben einem nach innen gerichteten Aspekt, der eine meditative Haltung unterstützt, wird den rezitierten Formel auch eine äußere Wirkung zugeschrieben, die meist reinigenden und schützenden Charakter hat.
Hingabe (Achtes Gebot) ist im wesentlichen im ersten und vierten schon enthalten. Dem menschlichen Willen wird ein bestimmtes Element von Freiheit zugestanden. Zu sagen, daß alles vom freien Willen des Menschen abhänge, ist aber eher irreführend. Auch die Rolle des Schicksals ist begrenzt und wird durch den Willen im Gleichgewicht gehalten. Die Spannung zwischen Karma und dem freien Willen formt das Bewußtsein und ermöglicht eine Evolution des Geistes. Hingabe im Hinduismus meint nun den freien Willen sukzessive von außen nach innen zu verlagern, mit dem Willen des Inneren Gottes zu vereinen, der gleichzeitig den Willen des Universalen Gottes vertritt. Das Resultat ist eine Befreiung der Seele; der äußere freie Wille, der nicht mit dem eigenen Selbst zusammenfällt, wird mit diesem inneren Selbst vereinigt, mit dem (innewohnenden) All-Gott in Einklang gebracht.
Das neunte Gebot bildet einen Gegenpol zum ersten, resultiert aus der Entwicklung der vorangehenden Gebote. So soll auch der Mensch ein Spiegel des Göttlichen werden und dieses in sich entdecken und zum Vorschein bringen. Zur Erklärung des Prozesses der Selbstverwirklichung zieht Krishnamurthy den Begründer des Advaita Vedanta, Shankara heran. Er erläutert verschiedene Analogien um die spezielle Beziehung zwischen dem Universum einerseits und Brahman andererseits zu erklären. Diese Analogien sind graduell abgestuft. Ein Seil erscheint als Schlange: das sichtbare Universums ist die Schlange. Was als Universum erscheinen ist nicht das wirkliche Universum. Die zweite Analogie betrifft die Illusion von Wasser über dem heißen Sand. In der dritten Analogie wird das Universum als Traum gesehen; es ist total subjektiv und verschwindet beim Erwachen der Person.
Im Advaita Vedanta ist das Konzept von Wirklichkeit immer vergleichend. Die Selbstverwirklichung erfolgt in Stufen. Das Universum, die Wirklichkeit ist in Schichten wie eine Babuschka-Figur aufgebaut. Das von Krishnamurti verwendete englische Wort Self-revelation verweist auf diese Ent-wicklung des Selbst, das sich seiner Schalen entledigt. Das innerste Herz dieses Selbst ist der Atman.
In der Bhagavad Gita unterscheidet Krishna zwischen zwei Purushas. Das Wort Purusha kann manchmal mit "Ego" und manchmal mit "Selbst" übersetzt werden. Er ist der Bewohner der Stadt, des Körpers. Identifiziert er sich mit diesem Körper und den Sinnen ist er der Erfahrende. Er genießt und leidet, er ist der vergängliche (kshara) Purusha. Der andere ist der unveränderliche, nicht-teilhabende Zeuge, der Sakshi.
Das zehnte Gebot bezieht sich auf die richtige Einstellung. Geistige Haltung soll vor Ritualen stehen, vor physischem Ausdruck und der Philosophie, der man anhängt. Diese Haltung ist es auch, welche die evolutionäre Stufe und damit indirekt die Kaste (varna) bestimmt. Es wird weiters vorausgesetzt, daß jede Religion auch nur in ihrem jeweils eigenen Kontext verstanden und ausgelebt werden soll um Konkurrenz und Eifersucht zu vermeiden. Ramanuja (1017 bis 1137 n. Chr.), ein weiterer großer Denker nach Shankara, stellte fest, daß Jnana (Wissen) und Bhakti (Hingabe, Dienen) nicht essenziell verschieden sind. Sie fallen insofern zusammen, als die Art und Weise der Hingabe (Bhakti) Hand in Hand geht mit dem Wissen (Jnana). Die richtige Haltung des Individuums ist somit an seine Stellung in der Gesellschaft (Kaste) gebunden; diese Stellung wiederum ist von Wissen (Jnana) und von vergangenen Taten (Karma) abhängig.
Wesentlich an Krishnamurthys Zehn Geboten ist die Anordnung von Gruppen oder Kasten um diese Gebote. Es gelten hier keineswegs alle Gebote für jeden sondern nur bestimmte Gebote für bestimmte Menschen unter bestimmten Randbedingungen. Im Hinduismus ist es nun so, daß der einzelne fast nie an allen Geboten festgemacht werden kann und dies auch nicht soll. Obwohl im täglichen Leben viele Verbote und Beschränkungen auftauchen, existiert daneben auch beinahe völlige Freiheit. Dieses System ist Teil der zeitlosen Flexibilität des Hinduismus. Der Autor gibt gewisse Typen als Beispiele an, wie den "säkularen Philosophen", den "Orthodoxen Theologen", den "Rationalisten", den "Wissenschafter und Vedantin" oder den "zweifelnden Laien". Im ganzen ergeben sich 1023 Kombinationen. So gibt es den Hinduismus, aber keine vollständigen Hindus. Praktisch ist das in anderen Religionen auch der Fall. Der Unterschied liegt im Hinduismus darin, daß weniger eine zu erfüllende Form im Vordergrund steht sondern eine Ziel. Der Hinduismus ist nicht als Forderung nach einem Ideal zu verstehen. Vielmehr ist er das Haus, das von einzelnen Handwerkern erbaut wird. Es ist daher weder notwendig noch erstrebenswert, daß der Maurer auch den Dachstuhl zimmert oder zimmern kann.
Wenn man daher den Hinduismus verstehen will, sollte man mit der Hypothese beginnen, daß alle Gebote Gültigkeit haben. Will man einzelne Gruppen im Hinduismus oder gar einzelne Personen verstehen, sollte man nicht davon ausgehen.
Relativität im Hinduismus meint daher weniger Unterscheidung, Trennung in Sekten und Glaubensbekenntnisse, sondern ist als Abstufung zu sehen, oder als Aspekte der immer zentralen einen Ganzheit der Gottheit. Der Opportunismus der hinduistischen "Religion" und Philosophien ist integrativ und positiv formuliert; etwa vergleichbar dem Grundsatz "anything goes" Paul Feyerabends, wenn er sagt, " ... daß es nur einen Grundsatz ["anything goes"; C.D.] gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten läßt".
Die Gebote des Hinduismus, die durchaus als Aspekte des Hinduismus gesehen werden können, sind in dem Diagramm, das Krishnamurthy uns gibt, nicht willkürlich angeordnet. Die Aufteilung erinnert an ein Yantra, ein geometrisch-magisches Symbol, das ihm Hinduismus vielfach verbreitet ist. Ein Yantra ist aber auch ein Meditations-Bild, das verborgene Zusammenhänge erschließen kann. So erinnern die drei ersten fundamentalen Gebote an eine Schale, die andere Gebote aufnimmt und wieder andere wie ein Dach trägt. Einerseits ergibt sich ein Kreis, der von der Allgegenwart der Realität (1) zum Dharma (3) vorschreitet; andererseits bildet der Eine Gott mit den viele Namen und Formen (5) die Nabe, den Mittelpunkt des Gebots-Rades.
Ein ähnliches Symbol bilden die zwei Gebotstafeln, die Mose in Exodus 19-21 vom Berg Sinai bringt. Im Sefer Yetzirah 1.3 heißt es analog:
"Ten Sefirot of Nothingness
in the number of ten fingers
five opposite five
with a singular covenant
precisely in the middle ..."
In Deuteronomium 9.9 ist von Tafeln des Bundes (covenant) die Rede und die Sefirot stehen hier ebenso für die Gebote, das Bild der ineinandergreifenden Finger ergebend; die beschriebenen zwei Tafeln für die Handflächen, in denen der Plan, das Gesetz eingraviert ist. Kaplan bezeichnet den Platz in der Mitte als "focus of spiritual tension" und weist der Schnittstelle der ineinandergreifenden Finger damit den Ort zu, an dem der freie Wille des Individuums sich im Spannungsfeld der Gegensätze manifestieren kann.
Bibliographie
Erkenntnis für freie Menschen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1980 (veränderte Ausgabe)
Wider den Methodenzwang. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1976 (revidierte und erweiterte Fassung)
Frauwallner, Erich: Geschichte der indischen Philosophie. 2 Bde. Otto Müller Verlag, Salzburg 1953 (Bd 1) und 1956 (Bd 2)
Kaplan, Aryeh: Sefer Yetzirah The Book of Creation in Theory and Practice. Samuel Weiser Inc., York Beach/Maine 1997
Kirchenrat des Kantons Zürich (Hrsg.): Die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments. Verlag der Zürcher Bibel, Zürich 1971
Krishnamurthy, V.: The Ten Commandments of Hinduism. Wiley Eastern Limited, New Delhi 1994
Radhakrishnan, S.: Die Bhagavadgita. Holle Verlag, Baden-Baden 1958
Anhang
1. Diagramm Krishnamurthy: Ten Commandments

2. Gebots-Typologien nach Krishnamurthy

|