Vorläufige & klumpige Thesen zur Metaphysik

 

 

 

 

1.                                     Skepsis ist nicht so sehr notwendig gegenüber den alten (metaphysischen) Modellen und Paradigmen, sondern vielmehr bei ihrer Verwendung und Anwendung.

2.                                    In einer Kritik der Metaphysik ist generell nicht mehr die aufgestellte Theorie in Betracht zu ziehen - sondern die mehr oder weniger totalitäre Einstellung im Zusammenhang mit ihr, die mehr oder weniger fanatische Auslegung derselben.

3.                                    Es ist keine Theorie[1] (These) bekannt, die ohne Berechtigung wäre, ohne Sinn an sich. Jede Theorie erweitert das Bewußtsein und richtet im Mill’schen Sinne[2] von sich aus keinen Schaden an.

4.                                   Die Wirkung von Theorien ist nicht unmittelbar auf die materielle Welt gerichtet, wohl aber mit ihr verbunden. In der ihnen eigenen (theoretischen) Welt üben sie aufbauende, erhaltende oder reinigende Funktionen aus.

5.                                     Was die Anwendungen von Theorien betrifft, sind die Beispiele zahllos, die im Bezug auf das Gemeinwohl[3]verbrecherisch” genannt werden müssen.

6.                                   Jeder Theorie ist eine Freiheit zu gewähren vor ihren Schülern, Exegeten, Rezensenten, etc. – analog zur Freiheit des menschlichen Individuums in der Tradition der Menschenrechte.

6.1.                             Diese Freiheit ist ein Grundrecht auf Toleranz, insofern Recht und Toleranz nicht voneinander zu trennen sind.

6.1.1.                       Dieses Grundrecht wurde den Theorien (und damit der Metaphysik) durch den Wiener Kreis und den Wellen, die er schlug, abgesprochen.

6.1.2.                      Dieses Grundrecht auf Toleranz ist nicht zu verwechseln mit einem Rechtsanspruch auf alleinige Wahrheit.

6.1.2.1.                Ein Rechtsanspruch auf “alleinige Wahrheit” ist nicht Teil der Metaphysik und der Welt der Theorien.

6.1.2.2.               Ein solcher Rechtsanspruch auf alleinige Wahrheit einer Theorie ist vielmehr der Sphäre der Exegeten, Apostel und Jünger zuzurechnen (-> 6.) und damit im rechtlichen Sinne als vonder Welt der Theorien getrennt zu betrachten und behandeln.

7.                                    Jeder Theorie muß ab einem bestimmten Punkt ein Eigenleben – getrennt von ihrem Schöpfer, Erfinder, Denker zugestanden werden.[4]

7.1.                              Dieser Punkt ist durch den Moment – geschichtlich und ideell – bestimmt, wo sich eine Theorie von ihrem Schöpfer abnabelt.

7.1.1.                        In der alltäglichen materiellen Welt ist dieser Punkt nicht zu bestimmen, in der Welt der Theorien schon.

7.1.2.                       Die Bestimmung von Punkten in der Welt der Theorien erfolgt durch Analogieschlüsse; Diese stellen in der Welt der Theorien das “Hauptverkehrsmittel” dar - in etwa so, wie die Mathematik in der materiellen Welt.

8.                                   Im Gegenteil: Nichts ist so weich, geschmeidig und wenig “absolut”, wie die Welt der Theorien im Gegensatz zu einer Welt der harten Tatsachen, wie der Wiener Kreis sie sich vorstellt, ersehnt und auch bekommen hat.

8.1.                             Das Gegenteil von der weichen Welt der Metaphysik ist die harte Welt der TAT-Sachen, also der Ausführungen, der entstehenden Dogmas, etc., deren Protagonisten oft nicht verstehen, daß Theorien immer nur Ansichten nach Art eines Hologrammes sind - daher nicht die Sache selbst, auch nicht zwangsläufig deren Ursache.

9.                                   Die Muttertheorie aller Theorien muß lauten: Es kann niemals nur eine Theorie gültig sein, sei sie auf einen Teilbereich der Wirklichkeit oder das Ganze bezogen.

9.1.                             ... auch das ist nur eine Theorie.

9.1.1.                       ... das heißt sie ist eine Theorie – also nur eine unter vielen möglichen Wahrheiten, nicht jedoch die Wirklichkeit selbst.

9.1.1.1.                 Wirklichkeit meint hier das reine Sein, jenseits aller Form und Beschreibung.

9.1.1.2.                Wahrheit meint hier eine in Form gegossene Wirklichkeit, damit eine Abstraktion ins Materielle, Begrenzte, Zählbare – ein aristotelischer Vorgang.

9.1.2.                      Zugleich ist die Theorie ein wirkendes Wesen und weist zwei metaphysische Wirkrichtungen auf.

9.1.2.1.                nach unten wirkend, als Vergröberung der Wirklichkeit.

9.1.2.2.               Nach oben gerichtet, indem sie mit den hierarchisch unterhalb des Ganzen, der Wirklichkeit stehenden Kreaturen kommuniziert und sie der Wirklichkeit zuführt.

10.                               Musil zur jüngsten Geschichte von M. und deren Gegnerschaft:[5] “...damals [zur Zeit Galileis; C.D.] muß das Erwachen aus der Metaphysik zur harten Betrachtung der Dinge nach allerhand Zeugnissen geradezu ein Rausch und Feuer der Nüchternheit gewesen sein! Aber wenn man sich fragt, was der Menschheit nun eigentlich eingefallen sei, sich so zu verändern, so ist die Antwort, sie tat damit nichts anderes, als jedes vernünftige Kind tut, wenn es zu früh versucht hat, zu laufen; sie setzte sich auf die Erde und berührte diese mit einem verläßlichen und wenig edlen Körperteil, es muß gesagt werden: sie [sic!] tat es mit eben jenem, auf dem man sitzt.”  -  Natürlich kommt Musil, wie alle Kakanier noch tief im Christentum verwurzelt, dann auf die “Wunder des Antichristen” zu sprechen und setzt Mechanisches mit Anti-Metaphysischem - und ganz allgemein Materiellem und Materialistischem – gleich.

10.1.                         Der Antichrist aber kann eine Verklärung erfahren in Joachim de Fiores positiver Umdeutung zum Zeitalter des heiligen Geistes, wo die Natur als Materie in den Himmel emporsteigt und/oder ihre ursprüngliche Reinheit wiedererlangt.

10.1.1.                   Hier merkt man unweigerlich auch das Einsetzen einer gewissen Verwirrung zwischen dem ursprünglichen Begriff Geist, als von oben kommend, - und heiligem Geist, als einer Art verklärter ewig jungfräulicher Natur.

11.                                 Mehrere Modelle des Verhältnisses von (ursprünglichem) Geist zu Materie: nur Geist; nur Materie; beides zugleich und gleich gewichtet; beides zugleich, jedoch ungleich gewichtet, das eine als Unterkategorie, etc. des anderen.

11.1.                           Nur Geist: Alles führt am Ende zum Guten, Materie eine nicht existente Illusion und Funktion des Geistes – eine grobe Abstufung.

11.2.                          Nur Materie: Ähnlich wie 10.1, jedoch am anderen Zipfel aufgehängt. Geist ist hier ein feinerer Aggregatzustand innerhalb der Materie, letztendlich bis hin zur Schwingung oder Energie. Dieses Konzept bildet wohl heute den kleinsten gemeinen Nenner innerhalb der ‘aufgeklärten’ Weltgemeinschft.

11.3.                           Geist und Materie gleichberechtigt: Das sportlichste Weltbild; der Wettstreit wird zur Seele desselben erhoben; in seinem Ursprung unverständlich, in sich selbst nicht schlüssig und selbst des Materialismus verdächtig.

11.4.                         Geist und Materie zugleich, jedoch auf seltsame Weise asymetrisch angeordnet: In etwa so, wie es die Gnostiker sehen, eng verknüpft mit der Geschichte vom gefallenen Engel. Eine Anschauung, die möglicherweise von einer österreichisch-russischen (slawischen) Disposition am ehesten nachvollzogen und integriert werden kann.

11.4.1.                   Also, es gibt das Böse, aber doch auch nicht.

11.4.2.                  Es muß erst zum Bösen werden, wie Anakin Skywalker zu Darth Vader.

11.4.3.                   Es verirrt sich gewissermaßen im Guten. Das ist aber alles noch nicht so offensichtlich geklärt, wie bei den Fällen in 10.1 – 10.3.

11.4.4.                 Offensichtlich kann man aber zwischen einem absoluten guten (metaphysischen) Sein und einem zumindest teilweise bösen Werden unterscheiden. Wie gesagt, für den Ost-Mittel-Eurasier ist das meist irgendwie denkbar, für den größeren Rest wohl wie ein Vergleich von Äpfeln mit Glühbirnen. Auch im ästhetischen Empfinden Japan findet sich Vergleichbares, wo nicht die Symmetrie eines Palladio als schön und erstrebenswert gilt, sondern die leicht gebrochene Symmetrie. Wenn also auf der einen Seite eines Dojo x Säulen stehen, so spiegeln sich ihnen gegenüber deren x vermindert um eine Säulen; ein kleiner Riß im Guten tut not, wo die Erstarrung des Seienden aufbricht und sich dem Werden vermählt.

12.                                 Alle Ideen sind Wesen, die nur während einer bestimmten Zeit als Bild eines Ganzen dastehen. Das klingt banal, ist aber wichtig. Auch sie sind begrenzte Formen, die, nur weil sie ungleich länger leben als ihre Schwestern, die festen Körper, - manchmal für ewig gehalten werden.



[1] Theorie, Metaphysik und Geist werden hier und im folgenden als wesensverwandt und teilweise synonym gebraucht.

[2] Nach John Stewart Mill: On Liberty. London (?) 1859

[3] siehe Mill.

[4] Deshalb bestehen ergreifende große Ideen aus einem Leib, welcher wie der des Menschen kompakt, aber hinfällig ist, und aus einer ewigen Seele, die ihre Bedeutung ausmacht, aber nicht kompakt ist, sondern bei jedem Versuch, sie mit kalten Worten anzufassen, sich in nichts auflöst. (Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften I. Rowohlt, Berlin 1930; p 110)

[5] Der Mann ohne Eigenschaften. p 302f


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