In der Garnisonsstadt - Der Balkon

In einer Kaserne nahe einer kleinen Garnisonsstadt. Es werden medizinische Tests an den Soldaten durchgeführt. Ich liege mit anderen auf einer Liege und es wird etwas gemessen. (Puls?). Daneben steht eine Apparatur. Gelangweilt spiele ich damit. Ein kleiner Einwegschlauch - zum Absaugen von Eiter aus Wunden, denke ich — liegt dabei. Ich stecke ihn in die dafür vorgesehene Öffnung der Maschine, die automatische Arretierung zieht eine Drahtschlinge um die Kanüle, fixiert sie und beginnt im selben Moment zu saugen.

Abend. Ausgang. Mondhell.

Ich spaziere die Straße hinauf zur Garnisonsstadt, die etwas erhöht liegt. Die Straße mündet in die kopfsteingepflasterte Hauptstraße der kleinen Stadt.

Der Mond ist beinahe voll.

Ich treffe eine blonde Frau. (an die Umstände erinnere ich mich nicht — war sie eine der Schwestern der Krankenstation in der Kaserne?). Wir sprechen miteinander und gehen langsam die Hauptstraße entlang in die Stadt hinein. Kaum Menschen. Alles wirkt wie schlafend. Ist es Abend?

Ist es schon Nacht?

Ist es Tag und der Himmel von schweren Wolken voll und finster?

Wo ist der Mond?

Eine Person spricht mich an von einer Erhöhung an der linken Seite der Straße (ein Balkon? - eine Balustrade?) Meine blonde Begleiterin scheint nicht erkannt werden zu wollen und gleitet nach rechts, Stufen hinauf, in den Schatten einer schmalen, hohen Gasse — aus dem Blickfeld der mit mir sprechenden anderen Person, wendet sich halb ab, lächelt mir zu; lächelt? Ich weiß nicht — ich sehe nur ihren Mund. Mein Blick ist auf ihren Mund gerichtet aber ich sehe ihn auch wieder nicht.

Ich verstehe nichts — nicht was gesagt wird und nichts was geschieht - und wie ich weitergehe, weicht auch die blonde Frau in die dunkle Gasse zurück, tritt in den Hintergrund meines Bewußtseins.

Die Hauptstraße biegt nach rechts und ich stehe an einem Geländer, sehe unter mir mehrere Geschoße eines Parkhauses (ist es wohl?) und es schwindelt mir. Rechts an das obere ‚Parkdeck‘ anschließend führt eine breite durch irgendetwas rund wirkende Treppe grasüberwachsen nach unten zum Fuß des ‚Parkhauses‘ und zu einem verwilderten Platz.

Dort steht die Ruine der Kathedrale die ich kenne und mehrere einem Schloß ähnliche Gebäude, verfallen, von Gesträuch und Bäumen umgeben und überwachsen.

Ich erinnere mich der unmerklich sich öffnenden Lippen der blonden Frau als sie auf der Straße neben mir mit mir sprach. Ihre oberen Schneidezähne waren in einem kaum bemerkbaren stumpfen Winkel wie zugefeilt gewesen; für einen Moment hatte ich mich gefragt, ob das wohl eine Art Mode hier sei, bevor ich Beobachtung und Gedanken wieder vergaß. Nun erinnere ich mich.

Mein Verstand versucht die Bilder zusammen zu fügen. Es besteht ein Bruch zwischen der Stadt und den Ruinen - unten, gegenüber der Einfahrt dieses merkwürdigen offenen und halb in den Berg hineingebauten, unter die Stadt hineingebauten Parkhauses. Die verbindende Treppe ist da, aber es ist, als könnte sie nicht jeder beschreiten — und nicht in jede Richtung.

Und dann ist es wie ein Bruch zur Kaserne. Möglicherweise kann ich nicht dahin zurück.

Wie aber kommen die Ruinen hierher, die ich doch kenne? Kann es sein, daß die Möglichkeit einer solchen Perspektive auf sie mir entgangen ist, als ich sie die letzten male gesehen habe? Es ist immer der selbe Ort, denke ich bei mir — doch er wandert.

Alle Orte werden in Frage gestellt durch die Möglichkeit des Auftauchens dieses Ortes — auf einem Rücken in zerklüfteter Berglandschaft, in einem alten Laubwald, durch den ich ging — oder hier, so unvermutet und so nahe an einer Stadt, an einem 'lebendigen' Ort?

Schon als kleines Kind habe ich von Vampiren geträumt.

Das war in Kapfenberg in der dunklen Obersteiermark im Haus meiner Großmutter. Sheridan LeFanu, der als einer der ersten den Vampir (als Frau) in die Literatur eingeführt hat, siedelt die Handlung von Carmilla in der Obersteiermark an. Auch Bram Stoker hatte diese Gegend im Sinn als er den Plot von Dracula ersann, wurde dann aber über die "Tigerin von Cachtice" weiter nach Osten geleitet.

Ich hatte Fieber oder meine Schwester hatte Fieber. Da im Traum sind sie gekommen und ich weiß heute nicht mehr in welcher Gestalt, aber ich weiß, daß sie aus diesem Geschlecht stammen und von diesem Ort. Lange habe ich das vergessen, mich nur an jene titanisch großen, erdrückend schweren Blasen erinnert, von denen ich erstmals als etwa vierjähriges Kind geträumt habe.

Aber nun vermute ich doch, daß Sie es waren — irgend etwas, das vergessen werden mußte.

Noch genau weiß ich, daß mir immer, auch heute noch, der schmale Balkon vor dem Kinderzimmer, über den man erst vom Stiegenhaus des ‚alten‘ Hauses in das neuere Haus, in die Wohnung meiner Großmutter gelangte, am Kinderzimmer vorbei, - daß mir dieser schmale Balkon, hoch über dem dunklen Hof mit dem spitzen Gerümpel, - nie als sicherer Boden erschienen war. Obschon betoniert, mußte man doch über ein Stück Holzbalkon des alten Hauses gehen, vier, fünf Stufen hinauf und dann um die Ecke auf den etwas stabileren, aber immer noch schmalen betonierten Balkon mit dem filigranen Nachkriegs-Metallgeländer, das immer etwas nachgab, wenn man sich daran lehnte. Durch die Dielen des Holzbalkons sah man unter sich den Hof und nachdem schon die alte Tür mit den eingelassenen Glasfenstern, durch die man eben gekommen war geknarrt hatte und zuvor die steilen, hölzernen, immer glatt gebonerten Stufen im Stiegenhaus des aus dem Rokkoko stammenden Hauses - knarrten auch die Dielen dieses Balkons. Als Kind mißtraute ich ihnen von Anfang an, hielt sie für morsch und eine Falle und vermittelte mir die erste Erfahrung von Tiefe.

So trachtete ich insgeheim immer ohne die Füße zu schwer aufzusetzen schnell die vier Meter von der Glastüre über den Holzbalkon auf den Betonbalkon zu gelangen. Dieser mündete dann nach weiteren acht Metern in eine breite Terasse vor der eigentlichen Wohnungstüre. Dort spielte ich oft — aber auch dem Betonbalkon traute ich eigentlich nie. Das Verlassen der Terrasse auf den Balkon hatte Expeditionscharakter. Billig, zu dünn und ohne Armierungen - so erschien er mir als Kind. Ich mißtraute der Nachkriegs-Bauweise. Das Geländer war eigentlich nicht vorhanden. Alles schien unterdimensioniert und einsturzgefährdet. Dieser Balkon, das Gefühl auf dem Betonbalkon vor dem Kinderzimmer im Haus meiner Großmutter, das einzige Fenster des Kinderzimmers auf den Hof, also auf den unsicheren Balkon, eigentlich einer Art Brücke über die man mußte — das Gefühl auf diesem Balkon und an seinem schwankenden Geländer zu stehen und in den Hof hinunter zu sehen, war das gleich Gefühl, das ich jetzt hatte als ich auf die dachlose Ruine der großen Kirche und die anderen leeren Gebäude hinunter sah, am gleichen schwankenden Geländer stehend, mich festhaltend, nicht wissend, ob der Boden oder ich oder das Geländer schwankte — oder die Kathedrale.

 

 

Nachtrag

Nachdenken über das "Nichts" in der Kathedrale an diesem Ort. Was offenbart großartiger die Totalität des "Nichts der Verneinung" als die Ruine dieser Kathedrale, einer Kathedrale ohne Dach und vielleicht ohne Boden.

Wie das Träumen von Gletschern, vom Einbrechen im Schnee. Wenn Schnee liegt in den Bergen, wer könnte da sagen, wo fester Stein unter dem Schnee ist und wo die Tücke des Eises beginnt mit ihren verborgenen Spalten und Brücken, unsichtbaren und unhörbar tiefen Flüssen? Das verborgene Wissen von einer morschen Welt, in der Atome sich von einander lösen und Abgründe sichtbar werden, die zu tief sind um bloß bodenlos genannt zu werden. Kammer auf Kammer folgt in diesen Abgründen, getrennt durch morsche Böden, die immer zugleich eine neue Frage verkörpern, immer wieder nach einem noch dunkleren älteren Darunter.



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