![]() Hymne auf das lichte Herz AfrikasWenn man in Betracht zieht, dass in Indien - neben Nordamerika, dem zweiten Pol der "indoeuropäischen" Menschen - Flüsse als Lebensträger gelten, gesegnet mit der konzentrierten, planenden, lenkenden Kraft und den Gedanken der Rishis - den Weisen in den Bergen des Himalaya, die analog zum Kopf des menschlichen Körpers als verborgenes Gehirn des Subkontinents gelten, wie auch die "Unsterblichen" des chinesischen Taoismus als geheime Lenker im Kun-Lun Gebirge auftreten; wenn man also diese Vorstellungen von der Ausbreitung des Geistes einer Kultur über die Flüsse seines physischen, bewohnten Landes annimmt und dieses Prinzip in der Ausschüttung der Drüsen, besonders der Hypophyse, des menschlichen Körpers, bestärkend wieder erkennt wird man die Stellung Zentralafrikas und ganz besonders die Region des heutigen Uganda in einem neuen Licht wahrnehmen können. Dorthin weist das verlängerte Rückgrat Ägyptens: Der weisse Nil ist der geradlinige, wahre Nil. Die Nebelberge des Rwenzori, seit Marinus von Tyre und Ptolaemeus als "Lunae Montes" nur Legende, waren Jahrhunderte lang dem Abendland verloren und wurden erst 1888 von einem Mitglied der Stanley-Expedition wieder entdeckt. Dieser konnte noch einige Jahre zuvor knapp an ihnen vorbeimarschieren, ohne die wolkenverhangenen Berge zu sichten. Diese "Lunae Montes" also stellen in mythologische-geographisierter Form den Himavat Afrikas dar. El Sudd, einer der weltweit gewaltigsten Sümpfe, der sich monoton und unheimlich wie ein Stephen-Kingsches Maisfeld südlich von Malakal ausdehnt, spiegelt sich im Hals des Menschen, im Äther, ist eine Metapher für die diffuse Zwitterwelt an der Grenze zwischen Geist und Physis. Hier als fieberschwangere Sphäre der Auflösung, des Schlammes, des NichtWasser-NichtLand; eine Barriere in beide Richtungen. Oberhalb, südlich des Sudd finden sich keine Relikte vergangener Zivilisationen, keine Geschichte, wie Samuel Baker in den 1870-ern schreibt, nur Wildnis und rohe Gewalt nicht einmal Gegenwart, geschweige denn eine Vergangenheit. El Sudd ist dabei, ohne dass wir es wahrnehmen, eine wesentliche Personifikation der undurchquerbaren Moore, die immer das jenseitige Land von der uns vertrauten Welt abtrennen. Ägypten aber, ist durch den Einfluss auf Griechenland und das israelische Volk der geistige Ahnvater Europas. Das mag übertrieben erscheinen; wenn man die Geographie aber, wie das besonders im Hinduismus, tibetischen Buddhismus oder dem christlichen Mittelalter geschah, als Projektion des Geistes versteht, als Abbild des Oberen, muss einem die Einzigartigkeit der Beziehung auffallen muss man die Sonderstellung des nordwärts fliessenden Nil bemerken, der aus dem Herzen Afrikas auf Europa weist, wie der alttestamentarische Finger des einen Gottes. Weiss und blau die Farben Shivas, der höchsten personifizierten Gottheit des Hinduismus, finden sich in den Namen beider Flüsse, die sich in Khartoum vereinigen um den geeinten Nil zu speisen, und damit das vereinigte Königreich von Ober- und Unterägypten, Ebenbild des Himmels auf Erden und "Tempel der Welt". Jenes Karthoum war es auch, in dem das abendländische Thema der "Kreuzzüge", der Clash of Civilisations mit der arabischen Welt eine nächste Dimension erfuhr und seinen Schatten auf die Moderne vorauswarf. Die Armeen des selbsternannten Mahdi fielen wie ein Phantom über den unter britischem Protektorat stehenden Sudan her, getrieben von dessen Vision, Ägypten und die Welt zu erobern. Der Fall Gen. Gordons im Jänner 1885, nach langer Belagerung in Khartoum, war mehr als nur ein persönliches Drama, erschütterte England nachhaltig und demonstrierte eine muslimische Emanzipation etliche Jahrzehnte vor Lawrence von Arabiens Einigungsversuchen und Einführung des Guerillakrieges in die arabische Welt. Wenn Joseph Conrad den Kongo, damals wohl zu Recht, als finsteres Herz Afrikas bezeichnete, so findet sich doch ein zweites Zentrum jenes Kontinents, der heute tief im Schatten der Weltereignisse zu liegen scheint: Im fruchtbaren Hochland von Uganda, durch dessen Norden sich wie eine Silberschnur der weisse Nil windet und über hunderte von Metern breite Katarakte aus kristallener Gischt stürzt. Dieses seenreiche Land mit der fruchtbaren roten immer schwangeren Erde, die bis zu drei Ernten pro Jahr ermöglicht, mit einer ausgewogenen Verteilung von Urwald/Wildnis einerseits und gleichermassen aus Äckern/Plantagen (Tee, Kaffee) bestehendem Kulturland andererseits, dem milden Klima, das durch den riesigen fischreichen Viktoriasee positiv beeinflusst wird, und der in sicherer Distanz zu diesem und seinen Moskitos auf sieben Hügeln gelegenen Hauptstadt Kampala dieses Land wurde wohl auch nicht zufällig Ende des 19. Jahrhunderts als Siedlungsgebiet für die zionistische Bewegung gehandelt und unter dem Druck und Ein-druck des fürchterlichen Progroms von Kischinew von Herzl als ernst zu nehmende Alternative zu Palästina vertreten, nachdem ihm vom britischen Kolonialminister die dortige Gründung eines Judenstaates vorgeschlagen worden war. Was wäre aus Uganda geworden, hätte es damals den Zuschlag bekommen? Wir können es nicht abschätzen; aber gewiss ist, dass dieses Herz Afrikas Schatten und Stoffe für Verschwörungstheorien aller Art zu liefern imstande ist.
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