Reinkarnationslehre als ethisches System

Analyse ethischer Konsequenzen unter Anlehnung an das hinduistische System

 

 

 

Da der Hinduismus ein äußerst vielfältiges Phänomen darstellt, ebenso wie die Ausformungen der Reinkarnationstheorie, die in so vielen Völkern und Zeiten in unterschiedlichsten Formen den Alltag und das Handeln von Menschen bestimmte – sollen hier ein paar Hauptcharakteristika der Reinkarnationslehre (RL) angeführt werden. Diese Hauptcharakteristika stimmen im Allgemeinen mit der Vorstellung der Mehrheit der ‚Hindus’ überein, die wir für die momentanen Hauptträger der RL halten. Abgesehen von der Tatsache, dass die RL argumentativ und theoretisch in Indien - neben den buddhistischen Schulen[1] - am umfassendsten ausgeprägt ist, sticht besonders die logische Geschlossenheit und Stringenz des hier vorkommenden Systems heraus.

Im Folgenden daher einige wesentliche Merkmale und Voraussetzungen, wobei es ausdrücklich nicht notwendig ist alle annehmen zu müssen um die Tragfähigkeit des Systems zu gewährleisten:

 

  • Körper und Seele: Der Mensch wird als zusammengefügte Einheit aus mindestens zwei Teilen, dem physischen Körper und der Seele betrachtet; hierbei ist die Seele der Träger des Bewusstseins, des Wesentlichen, des unsterblichen Teils; die Seele reist durch die aus Verkörperungen und körperlosem Sein gebildete „Perlenschnur“. Der Körper ist das Fahrzeug, in das die Seele ein und wieder aussteigt und mit dem sie sich bis zu dessen Verschrottung mehr oder weniger identifiziert.[2] Die Körper bilden die Perlen, die nacheinander den Lebensfaden umgeben.

-           Meistens wird der Seele auch ein absolutes Gedächtnis zugeschrieben, auf das in der Regel aber nicht zugegriffen werden kann[3].

  • System der Hierarchie: Angeschlossen an die Systeme von „Wiedergeburt“ und „Seele“ ist das System der Hierarchie. Es beinhaltet die Vorstellung einer Hierarchie in Form und Inhalt (Körper und Seele/Geist). In ihrer Grundaussage widerspricht diese Hierarchie trotzdem nicht dem System der griechisch-christlich-okzidental geprägten Lehre von der Gleichheit der Menschen. Es sind dies zwei Facetten einer Sache, die nur äußerst einseitig gebildete Menschen als unvereinbar sehen können. Dies insofern, da man nur die Forderung nach Gleichheit beinahe unendlich weiter in die Jugend einer Seele ausdehnen muss, um durch das System des karmischen Wechselspiels bei einer nun auch wirklich nachvollziehbaren Gleichheit anzulangen; nämlich bei der Gleichheit vor dem Gesetz von Ursache und Wirkung.
  • Stabilität innerhalb der Inkarnationsebene: Die Wiedergeburt eines Menschen erfolgt im Regelfall wiederum in menschlicher Form, nur sehr selten auf der Ebene eines „niedereren“ oder „höheren“ Lebewesens.

-           Besonders die moderne Theosophie beschreibt die Wanderung der Seele als ein Wachsen durch Inkarnationen in unterschiedlichen „Reichen“. So setzt sich die menschliche Seele, bis sie sich zum ersten Mal als Mensch inkarniert, nacheinander aus mineralischen, pflanzlichen und tierischen Seelenteilen zusammen.

  • Einheit der menschlichen Seele: Die menschliche Seele als Träger des Bewusstseins wird als Einheit geboren, lebt, stirbt und lebt weiter als dieselbe Einheit.

-           Im Gegensatz dazu bilden die pflanzlichen und tierischen Seelenteile (die jeweils eine Pflanze oder ein Tier bewohnen) keine Einheit wie der Mensch, sondern haben nur Teil an einer Gruppen- oder Kollektivseele. Auch die Menschen werden offenbar durch solche Gruppenseelen zu höheren Einheiten verbunden, ohne dass jedoch hier die Autorität und Einheit ihrer In-dividualität in Frage gestellt würde.

  • Karma und Dharma: Ein weiterer wesentlicher Pfeiler der Wiedergeburtslehre ist die daran angeschlossene Lehre von Ursache und Wirkung sowie die Lehre von der Bestimmung oder dem Schicksal. Beides kommt nicht nur im Hinduismus vor, ist dort aber, wie vieles Metaphysische,  am konsequentesten ausgearbeitet und am klarsten dargestellt. Karma und Dharma sind zwei untrennbare Pole, die niemals alleine betrachtet werden sollten – was leider besonders bei dem Begriff Karma oft geschieht und diesen Begriff dadurch für uns zu einem orientalisch-schwammigen „Kismet“ deformierte.[4]

-           Karma bedeutet ursprünglich, dass wir – in welcher Form dann auch immer – die Früchte unserer Taten und Gedanken (!) in diesem oder einem folgenden Leben ernten werden. Ausgelöst wird diese Ernte nicht zufällig, sonder in einem komplex verzahnten zyklischen Prozess.

-           Dharma ist in gewisser Weise der auf einer vertikalen Achse liegende höher Gegenpol zu Karma – daher weit weniger leicht fassbar und verständlich. Es ist die den einzelnen Aktionen und Reaktionen übergeordnete Instanz und verhält sich etwa so wie das Ziel zum Weg – ohne dabei den Wert des Weges zu schmälern.

  • Gleichheit: Auch im Schatten der RL gibt es eine fundamentale menschliche Gleichheit. Im modernen Christentum und auch den anderen sich auf Abraham beziehenden Religionen besteht ein Paradoxon zwischen dem Anspruch auf göttliche Gerechtigkeit und der Tatsache der völligen Ungleichheit der Menschen zur Zeit ihrer physischen Geburt. Diese theologische Absurdität kann ohne die RL nicht schlüssig gelöst werden – weder mit dem Verstand, noch durch blindem Glauben.

-           Ohne Theologie und rein materialistisch gesehen ruht der ethische Grundsatz der Gleichheit entweder völlig auf tönernen Füßen – oder, wie so oft, wieder auf theologischen; diesmal jedoch in stillschweigender Übereinkunft, nicht an diese alte unmoderne Theologie zu rühren, also sie noch einmal aufzurollen, nach zu denken. Oft wird heute Ethik betrieben, indem man sich auf eine „allgemeine Übereinkunft“, ein „allgemein verbreitetes Gefühl“ beruft, ohne wahrhaben zu wollen, wie diese aus Jahrhunderten religiöser Prägung emporwabbern. Eine Frage der Etikette.

-           Die Reinkarnationslehre besagt, dass die Geburt durch Karma und Dharma bestimmt werde; damit im Einklang steht in der Mitte das Alter der jeweiligen Seele - daher, wie oft sie schon in menschlicher Form inkarniert war.

 

Vorteile, die sich für die ethische Praxis ergeben

Diese Vorteile können nur dann gelten, wenn die Reinkarnationstheorie einerseits ernst genommen, andererseits jedoch von den blumigen Ausschmückungen und Übertreibungen ihres historischen Ballastes befreit wird. Sie muss zu einer universalen Wissenschaft erhoben werden. Allein schon aufgrund ihrer überragenden logischen Geschlossenheit im Vergleich zu dem heutigen Wirrwar aus materialistischem Biologismus und fundamentloser Ethik, sollte dieses Theoriensystem eine wissenschaftliche Überprüfung verdienen.

 

1.       Das Töten: Ein neues Verständnis des Tötens.

1.1.  Es kann der Mörder/Soldat nun davon ausgehen, dass wenn er wiedergeboren wird – so er auch nicht an Karma glaubt – doch immerhin der neuverkörperten Seele seines Opfers begegnen kann. Wenn nicht mehr, so müsste dies immerhin ein gewisses Gefühl von Unbehagen in ihm auslösen. Dieses oft vorhandene Gefühl könnte im System der RL den Platz des im okzidentalen System bestehenden Gewissens einnehmen.

2.       Nachhaltigkeit: Die Wirkung auf nachhaltiges Denken und Handeln bezüglich Umwelt und Gemeinwesen, sowie in eigentlich den meisten anderen Aspekten des Lebens, würde sich hier wohl am dramatischsten wandeln (müssen). Mit der Annahme der Wiedergeburt als Faktum – und nachdem die Beschäftigung damit in die folgenden Generationen eingesickert wäre – müsste schließlich jedem klar sein, wie sehr er am eigenen Ast sägt und dass er/sie sich nicht mit einem Tod davonschleichen kann, dessen Wesen heute viele kaum hinterfragen oder für sich selbst durchdenken; was letzteres kaum wundert, da die verbreitete oberflächliche Vorstellung vom (physischen) Tod des Bewusstseins ein Paradoxon darstellt, das entweder nicht vom selben betroffenen Bewusstsein erfasst werden kann, oder aber schlicht in seinem Ansatz falsch sein muß.

3.       Einheit der Religionen: Eine der nicht ganz unmittelbaren Folgen wäre das zwingender erfolgende schrittweise Erkennen der den Religionen gemeinsamen Ursprünge. Dies wäre eine Folge der Einsicht in gemeinsame geistige Mechanismen und Hintergründe der Welt und ihrer systematischen Erforschung – eine Folge der Aufwertung geistig-seelischer Prozesse innerhalb der modernen orthodoxen Wissenschaften[5].

 

 

 

 

Nachteile und deren Ursachen

Behauptet wird hier, dass es nicht unbedingt die RL per se ist, die übliche negative Assoziationen damit rechtfertigt.

 

1.       Kastenwesen: Die aktuellen Erkenntnisse der Südostasienforschung zeigen auf, wie relativ jung die starre Form des Kastenwesens auf dem indischen Subkontinent ist. Offenbar erfuhr das vorher schon bestehende Kastensystem diese Ausprägung in einem Prozess der religiösen und kulturellen Abgrenzung unter dem Druck äußerer „Feinde“, wie etwa zur Zeit der muslimischen Einfälle in Indien. Davor war die Zugehörigkeit zu einer Kaste weit mehr innerlich bestimmt; ähnlich wie in unserer heutigen Welt sich ein im Arbeitermilieu Geborener sich bei innerer Berufung und durch vergleichbar höhere Mühen, als ein im Bürgermilieu geborenes Kind, auch zu einer höheren Laufbahn bringen kann, konnte vor der Erstarrung des Kastenwesens ein nieder geborener innerhalb eines Lebens zum Krieger oder sogar Priester aufsteigen. Die heutige Ausprägung des Kastenwesens spiegelt möglicherweise nur mehr unvollkommen die innere Hierarchie der Seelen wieder, und das Kastenwesen wurde wohl zu Recht von Gandhi in der indischen Verfassung mit einem Bann belegt.[6]

2.       Trägheit – Unwert des aktuellen Lebens: Ich glaube es war Reinhard Karl, der beschreibt, wie ein nepalesischer Sherpa mit seiner Last hinter der Trägerkolonne zurückgeblieben in eine Gletscherspalte bis zur Brust einbricht und ohne einen Versuch zu machen, sich zu befreien, auf seinen Tod wartet – und somit, in der Interpretation des Autors, auf seine neue, sichere Wiedergeburt. Diese Haltung scheint auf den ersten Blick besonders in Asien weit verbreitet und kann von jedem dort Reisenden schnell wahrgenommen werden.

2.1.  Die Verantwortung für diese von uns Okzidentalen instinktiv als ‚lähmend’ und ‚die Trägheit fördernde Haltung’ muss bei genauerer Betrachtung jedoch einerseits in einer von der RL unabhängigen Trägheit zu suchen sein, wie sie auch bei uns vielen Menschen zu eigen ist, die Tag für Tag vor dem Fernseher ausgebreitet dem Passivsport frönen;

2.2.  Zum anderen ist sie in einer durch falsche Tradition verhärteten und deformierten Form der Wiedergeburtslehre zu sehen. Diese zur Untätigkeit verdammende Deformierung reicht möglicherweise bis auf die inflationäre Verwendung großer Zahlen durch den historischen Buddhismus zurück. Hier wurden erstmals einer größeren Menge auch nicht besonders geschulter und eingeweihter Menschen Zahlen präsentiert, welche die Anzahl der durchschnittlichen menschlichen Wiedergeburten darzustellen vorgaben. Diese Zahlenwerte hatten derartig unvorstellbare Ausmaße, dass sie zwar gut geeignet waren, das Erhabene des Buddha, der Religion und der generellen Schöpfung herauszustreichen, aber gleichzeitig den einzelnen Menschen durch ihre Gewaltigkeit in seinem jetzigen Sein vernichteten und in die Knie zwingen mussten. Der unvorbereitete Blick auf derartige Größenverhältnisse – ohne das theologische Gegengewicht einer Wertschätzung des Kleinen und des Individuums - musste naturgemäß den psychologischen Nebeneffekt haben, dass die Menschen ihr aktuelles Leben stark zu unterschätzen begannen. Die Dimensionen waren ver-rückt und die immer als Anlage vorhandene Trägheit erlangte das Übergewicht.

3.       Das Töten: Ein ernsthaftes Problem bei der allgemeinen Verbreitung der Reinkarnationslehre in Theorie und Praxis im Westen könnte in einer Relativierung des alttestamentarischen Tötungsverbotes liegen – das ohnehin immer wieder stark untergraben und selten wirklich befolgt wurde. Das Töten eines Menschen würde sophistisch mit dem Töten von „nur“ einer physischen Form gerechtfertigt werden können – in Berufung auf die Unsterblichkeit der Seele – und damit die zäh errungenen Früchte der westlichen Religionen zunichte machen.

3.1.  Ansatzweise kann eine solche Fehlentwicklung schon im Einfließen einer falsch verstandenen Exegese der Bhagavad Gita in Faschismus und Nationalsozialismus und diesen nahe stehenden ideologischen Philosophien nachgewiesen werden. Infolgedessen kommt es dort schon nicht mehr darauf an „nicht zu töten“, sondern die „Richtigen zu töten“. Diese zynische und viel zu schnelle Ableitung müsste in jedem Fall im Keim behandelt werden.

 

...



[1] Da es sich, aus unserer Sicht, beim Buddhismus um einen reformierten Ur-Hinduismus handelt, wird nicht im Speziellen auf die Eigenheiten der unterschiedlichen Schulen eingegangen. Natürlich sind uns auch die zahlreichen Variationen der als „Hinduismus“ bezeichneten „Religion(-en)“ bewusst – wobei beide Wörter, Hinduismus und Religion, schlecht auf die wirklichen Zustände passen und einer kulturellen Projektion entspringen. Trotz all diesen Widrigkeiten lässt sich aus den Quellen ein Destillat bilden.

[2] Besonders männliche Leser sollten sich kurz fragen, was sie eigentlich meinen, wenn sie sagen „ICH fahre hierhin und dorthin“ oder „MEINE Bremsbeläge gehören erneuert“. Die Muster der Identifikation mit einem Automobil gleichen denen mit einem physischen Körper sehr stark; so weit, dass bei einer Beschädigung des eigenen Automobils deutliche Niederschläge im System des (männlich-) physischen Systems seines Besitzers zu erwarten sind – Bluthochdruck, beschleunigter Puls, Schweißausbrüche, etc.

[3] ... sozusagen mit Kindersperre.

[4] Die bei westlichen Reisenden verbreitete Assoziationsgruppe „Karma/Kismet <-> indischer/ägyptischer Lastwagenfahrer“ ist Symptom für diese Deformation.

[5] ... auch wenn es wie eine Parodie klingt, sollte man sich immer fragen, was an der Modernität schon Orthodoxie geworden ist – was tönern und vor dem Einsturz stehend.

[6] Im Gegensatz zu dem hier gemeinten Kastenbegriff, der sich von „varna“ herleitet, gibt es noch eine andere Ausprägung, „jati“; auf letztere beziehen wir uns an dieser Stelle jedoch nicht, da sie eher als Stamm oder Clan zu verstehen ist, ihr der stark hierarchische Charakter fehlt.


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