
Bhakra Dam
Mehrere Dinge konnten wir die vergangenen Wochen testen. Erstens den komplexen Verladevorgang des Bikes auf den Zug. An der Old Delhi Railway Station sind wir erst einmal in die Irre geschickt worden, trotz extra angeheuertem Verladeagenten. Dannach folgte der Benzinleervorgang. Der Tank muss quasi trocken sein. Das Auftreiben von immer mehr leeren Petflaschen war ein logistisches Meisterstück. In diese tröpfelte dann das Benzin im Schneckentempo hinein um dann von Hand zu Hand Richtung Schwarzmarkt weitergereicht zu werden. Der diensthabende Polizei-Wachtel hat auch gleich seinen Teil kassiert – für‘s Aufpassen. Dann folgt das Verpacken des Oberteils in Jutesack-Teilchen. Diese werden angenäht und schützen offenbar das Kraftrad vor kaltem Fahrtwind. Unten herum muss es frieren. Nummern werden mit Filzstift und einem in schwarze Farbe getauchten Pinsel aufgemalt – auf die Jutebespannung, die Seitenkoffer und ein vorne umgehängtes Pappschildchen, das aussieht wie an ein Ferienlagerkind gehängtes Namensschildchen.

Verschnürung
Dann beginnt der zweite Teil, der Amtsweg. Man schiebt das Päckchen vor den Luggage-counter am Abfahrtsgleis und betritt hoffnungsschwanger und beladen mit Dokumentkopien das Offizium. Dortselbst thront ein würdevoller Beamte in einem hohen aber fensterscheiben- und türenlosen Bureau. Tauben fliegen ein und aus und flattern aufgeregt auf dem einzigen Aktenschrank, auch der ohne Türen. Ab und zu huscht eine Ratte der Wand entlang. Aber es gibt einen Ventilator an der Decke, ein Sofa i.R. Aus dem die Federn schaun, diverse Wandbehänge mit Vorschriften und Regelungen, einen kleinen Tisch mit einem subordinalen Beamten, einen gewaltigen Amtsvorsteherschreibtisch mit Papieren, Formularen und einem Leimdöschen cum Pinsel drauf – sowie nicht zuletzt den daran residierenden besagten Gepäcksverschiffungsvorsteher.

Ausladevorgang mit Ordnungshüter
Nachdem ich zur Überzeugung gekommen bin, dass der Sekretär ein Sekretär ist und nicht ein wartender Bittsteller vor mir, wage ich mit allem Mut den Chef persönlich anzugehen und bekomme ohne Blickkontakt ein Formular ausgehändigt, das ich unbeholfen und unvollständig ausfülle. Warten. Details werden geklärt, Dokumentkopien geprüft. Warten. Weitere Kunden kommen und gehen. Endlich geht es an den Verladevorgang. Weitere Zahlen werden auf das Bike gepinselt, Instruktionen gegeben und Zuversicht ausgedrückt. Ich versuche den Oberpacker auszumachen und die Trinkgeldempfangshierarchie ausfindig zu machen. Kein leichtes Unterfangen. Nun schaffen drei Gestalten Platz im Gepäckswagon und werfen Kisten hin und her. Da der Wagenboden deutlich über dem des Bahnsteigs liegt und das Motorrad ja doch gute 200 kg wiegt, wird kurzerhand mit einem Packet eine Zwischenstufe geschaffen. Unter viel unnötiger Hektik wird nun an allen hervorstehenden Teilen des verpackten Kraftrads gerissen und gezerrt bis es mit dem Vorderrad auf dem Päckchen ist und dann weiter im Wagon. Ich zerre mit und schaue dann schnell weg, als es mit weiteren Paketen warm umwickelt wird – um nicht zu sagen zugeschüttet.

Am Staubschlucken
Wir nehmen unsere Plätze ein und die Nachtfahrt beginnt. Beim Ausladen in Pathankot haben wir den Wagon erst am anderen Zugende gesucht. Die Zuschauermenge hat sich in minutenschnelle zu Länderspielgrösse angesammelt – vielleicht weil die Bullet in der Provinz eine Seltenheit darstellt.

Reingestopft und zugeschüttet
Für den Verladeprozess muss ich noch anmerken, dass es äusserst wichtig ist rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Etwa zwei Stunden+ im Vorhinein ist angemessen. Ausserdem wäre es gut zumindest am Startbahnhof des Zuges einzuladen um möglichst das Bike noch im gleichen Zug mitnehmen zu können. Anderenfalls könnte es eventuell erst mit dem Folgezug kommen, was in der Regel auch ohnehin der Fall bei den schnelleren Zügen wie Rajdhani und Shatabdi-Express ist, die keine eigenen Gepäckswagons haben. Erfolgt das Ausladen nicht am Endbahnhof, sondern nur bei einem Zwischenhalt, dann muss man möglichst rasch raus und zum Gepäckwagon hetzen. Dort unter Gestikulieren und Rufen Packer zusammentrommeln. Geldscheine in den erhobenen Händen wirken zusätzlich. Man trommelt an die Tür des Gepäckwagens und wendet sich flehend an alle uniformierten und irgendwie Offiziellen um den Entladevorgang in Bewegung zu setzen und zu beschleunigen. Ist das Vehikel in Türnähe geparkt und nicht all zu sehr eingeklemmt, dann stehen die Chancen realistisch. Im Regelfall wird das Bike dann offenbar hinausgeschoben und einfach auf den Bahnsteig plumpsen gelassen, was den Auspuff- und Gepäcküberhang meines Motorrads dann endlich geländetauglich gemacht hat; sprich – es ist ein Stück „Ware“, ein Sack Gerümpel wird nicht schlechter behandelt. Fluchen und lauter Einspruch hilft – aber nur laut und vor dem Ausladen geäussert.
Und dann kommen die ersten Alleen. Das Töff muss noch eingefahren werden – bis die ersten 500 km rum sind – und somit gleiten wir mit maximal 50 km/h dahin. Eine Dhaba-Pause folgt, und langsam wird es heisser. Kurz vor den ersten Kurven nach McLeod Ganj veranstaltet die unselige BJP noch eine Wahlveranstaltung mit Festzelt, was einen regionalen Stau zur Folge hat. Also stauen wir und staunen – über das Zelt, die Farben und einen Stein neben dem Fluss mit seltsamen lokalen Göttern drauf, farbbeschmiert und blumenbehängt.

Stop an einer Dhaba
Nach zwei Tagen in den Hills erreichen wir Pragpur. Während Sonya arbeitet mache ich mich auf die Suche nach einem Kissen für den BeifahrerInnensitz. Der sieht zwar schick aus, wurde aber die Tage zuvor ungnädig mit kirgiesischen Pferdesätteln verglichen. Die nächsten Tage lindert das Kissen die Pein nur unwesentlich, zumal die Kurven eng und zahlreich sind, die Schlaglöcher tief und unbarmherzig, und die Kilometerangaben im Büro für Verkehrsplanung wohl mit Werst verwechselt wurden. Für die 100 km von Pragpur nach Rewalsar brauchen wir – ohne wesentliche Pausen – sage und schreibe 7 Stunden.
Naja, irgendwann sind wir da, beziehen ein durchschnittliches Hotel, aber eins mit Aussicht, umkreisen den kleinen See, füttern wie alle die Fische, kriechen in die winzige Höhle einer noch winzigeren alten Nonne, verteilen Bakschisch, sitzen schlussendlich am Ufer neben noch älteren Nonnen, die pausenlos schwatzen und kichern und fangen endlich an uns zu entspannen. Die Aussicht auf die Klöster rundum, den in der Abendsonne glitzernden See und den überdimensionalen Buddha auf halber Höhe des Hügels ist angenehm und beruhigend. Als wir im Hotel ankommen und am Balkon Kekse essen, zieht ein imposantes Gewitter über uns hinweg. Der Strom in dem kleinen Örtchen fällt bald aus und wir genießen das Dunkel und die Stille der Blitze.
Sonya hat trotzdem genug vom Minisattel und somit laden wir das Gepäck und die Dame in ein besser gedämpftes Taxi und ich fahre fortan hinterher. Das ist nicht weiter schlimm, da das Anstrengendste doch die Wegfindung ist und das ständige Nachfragen an jeder Abzweigung – so denn wer zum Nachfragen da ist. Wir erreichen ein Motel am halben Weg nach Kalka. Nach zwei Stunden

Mobile-Sadhu
Umherstreifen auf den darüberliegenden Hügeln widmen wir den Rest des Tages der Kleintierjagd. Die Beute umfasst Kakerlaken, einen etwas grösseren Käfer, Moskitos und etliche Phantome, die später beim Einschalten des Lichtes immer sofort wieder verschwunden sind – aber dennoch ganz bestimmt eben noch da waren. Dieselbrummen aufwärtsstrebender Lastwagen beherrscht den Rhytmus der Nacht. Wieder verhandeln wir ein Taxi und in brausender Fahrt geht es die Hills bergab nach Kalka. Dort bleiben nach dem Einchecken des Bikes noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges und wir investieren diese weise in eine Fahrt nach Kasauli. Was für eine Ruhe, was für eine Aussicht, was für ein Paradies! Das Örtchen ist beinahe autofrei, da 65 Rs Einfahrtsgebühr. Wir essen was mit genialem Blick auf waldige Hügel – weswegen wir auch nicht mehr recht wissen, was wir da gegessen haben. Können also auch grillierte Grashüpfer gewesen sein. Mit dem festen Vorsatz, diesen Hort der Ruhe und Beschaulichkeit bald wieder zu besuchen, lassen wir uns zum Bahnhof chauffieren, um bald schon wieder von der schwülen Hitze Delhis erschlagen zu werden. Der mitternächtliche Ausladevorgang ist wie ein schwerer Traum nach zu spätem französischem Abendessen. Alles klebt vor Schweiss – und auch betrunkene und gegen-Bakschisch-hilfswillige Packer kleben schon bald an uns. Endlich sind die Jutesäcke wieder losgeschnitten, Benzin aufgetrieben und wir brausen durch die halbdunklen Chausseen nach Hause.